Unternehmens-Umfrage im Mai 2011: Mismatch zwischen Bedarf und Qualifikation verhindert Vollbeschäftigung

INSM-WiWo-Deutschland-Check: Zusammenfassung

Aus Sicht der Wirtschaft ist es eher unwahrscheinlich, dass Deutschland in den nächsten fünf Jahren Vollbeschäftigung erreichen wird. So lautet das Ergebnis des aktuellen IW-Unternehmervotums, das Ende April/Anfang Mai 2011 von der IW Consult GmbH durchgeführt wurde. 1.172 Unternehmen aus den Bereichen Industrie und industrienahe Dienste haben die Wahrscheinlichkeit von Vollbeschäftigung in den nächsten fünf Jahren und möglichen Hürden auf dem Weg dorthin bewertet.

Vollbeschäftigung eher unwahrscheinlich. Die Mehrheit der Unternehmen ist skeptisch, dass Deutschland bis 2015 Vollbeschäftigung erreichen kann. Lediglich drei von zehn Unternehmen können sich vorstellen, dass Deutschland bis dahin eine Arbeitslosenquote von zwei bis vier Prozent haben wird.

Hindernisse. Aus Sicht des Teils der Wirtschaft, der Vollbeschäftigung für unwahrscheinlich hält, ist das Haupthemmnis dafür der vorhandene Mismatch zwischen Bedarf und Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt. Acht von zehn der befragten Unternehmen sehen vor allem die nicht ausreichenden Qualifikationen der Arbeitssuchenden für die zu besetzenden Stellen als ein Stolperstein. Drei Viertel dieser skeptischen Unternehmen befinden auch, dass die vorhandene übermäßige Bürokratie und zu hohe Lohnnebenkosten in Deutschland Vollbeschäftigung in den nächsten fünf Jahren erschweren wird. Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen beklagen eine zu hohe Steuerbelastung in Deutschland als eine wesentliche Einschränkung. Nur jedes vierte Unternehmen gab an, dass zu hohe Löhne und Gehälter Vollbeschäftigung in Deutschland behindern könnten.


INSM-WiWo-Deutschland-Check: die Fragestellungen

Der Boom auf dem Arbeitsmarkt geht dank des Aufschwungs auch in diesem Jahr weiter. Die Arbeitslosenzahlen sind in den vergangenen Monaten gesunken. Laut dem Frühjahrsgutachten führender Wirtschaftsforscher könnte die Zahl der Arbeitslosen im Jahr 2011 auf knapp 2,9 Millionen und im Jahr 2012 sogar auf 2,7 Millionen sinken. Allein in diesem Jahr könnten 430.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Wie schätzt jedoch die Wirtschaft diese Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ein? Hierzu hat die die IW Consult GmbH 1.172 Unternehmen aus den Bereichen Industrie und industrienahe Dienste Ende April/Anfang Mai 2011 im Rahmen des IW-Unternehmervotums befragt.

Konkret gefragt wurde:

  • Halten Sie es für wahrscheinlich, dass in den nächsten fünf Jahren in Deutschland Vollbeschäftigung erreicht wird?

  • Was verhindert aus Ihrer Sicht in den nächsten fünf Jahren Vollbeschäftigung?

Nur drei von zehn Unternehmen sehen mittelfristig Vollbeschäftigung in Deutschland

Aus Sicht der Wirtschaft ist es eher unwahrscheinlich, dass Deutschland in den nächsten fünf Jahren Vollbeschäftigung erreichen wird. Die Mehrheit der Unternehmen ist skeptisch, dass Deutschland bis 2015 Vollbeschäftigung erreichen kann. Lediglich drei von zehn Unternehmen können sich vorstellen, dass Deutschland bis dahin eine Arbeitslosenquote von zwei bis vier Prozent haben wird (Abbildung 1):

  • Insgesamt sieben von zehn Unternehmen halten Vollbeschäftigung in Deutschland auch mittelfristig für eher unrealistisch. Allerdings ist es nur jedes vierte Unternehmen, dass dieses Szenario für sehr unwahrscheinlich erachtet. Knapp die Hälfte der Befragten ist nicht ganz so pessimistisch und gab hier „eher unwahrscheinlich“ an.

  • Die übrigen 30 Prozent der Wirtschaft sind optimistischer, da sie sich Vollbeschäftigung in den nächsten fünf Jahren zumindest vorstellen können. Dennoch sind es nur vier Prozent der Unternehmen, die Vollbeschäftigung sicher erwarten. Das übrige Viertel der Unternehmen ist da vorsichtiger und gibt „eher wahrscheinlich“ an.

INSM-WiWo-Deutschland-Check: Abbildung 1

Es zeigen sich keine großen Unterschiede in den verschiedenen Branchengruppen und Umsatzgrößenklassen:

  • Industrieunternehmen sind bezüglich der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt etwas pessimistischer als Dienstleistungsunternehmen. Nur ein Viertel der Industrieunternehmen glaubt, dass Vollbeschäftigung zumindest „eher wahrscheinlich“ ist, bei den Dienstleistern sind dies über 30 Prozent.

  • Insgesamt sieht das Bild bei Unternehmen mit einem Mindestumsatz von 50 Millionen Euro ähnlich aus wie im Gesamtdurchschnitt. Allerdings sind es hier nur 17 Prozent, die die Möglichkeit von Vollbeschäftigung bis 2015 völlig ausschließen.

Haupthemmnis sind fehlende Qualifikationen von Arbeitssuchenden

Die Mehrheit der Wirtschaft sieht Deutschland bisher nicht auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Was sind die wesentlichen Hemmnisse aus Sicht der Unternehmen, die eine solche Entwicklung bis 2015 verhindern? Hierzu wurden die Unternehmen, die Vollbeschäftigung für „eher unwahrscheinlich“ und „sehr unwahrscheinlich“ erachten, in einer weiterführendenden Frage um eine Einschätzung gebeten. Hauptschwierigkeit aus Sicht dieses Teils der Wirtschaft ist der vorhandene Mismatch zwischen Bedarf und Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt (Abbildung 2 und Tabelle 2 im Anhang für Detailergebnisse):

  • Acht von zehn der befragten Unternehmen sehen vor allem die nicht ausreichenden Qualifikationen der Arbeitssuchenden für die zu besetzenden Stellen als eine wesentliche Schwierigkeit. Dieses Problem konstatieren vor allem eher die Dienstleistungsunternehmen (84 Prozent) als die Industrieunternehmen (77 Prozent).

  • Drei Viertel dieser skeptischen Unternehmen befinden, dass die vorhandene übermäßige Bürokratie und zu hohe Lohnnebenkosten in Deutschland Vollbeschäftigung in den nächsten fünf Jahren erschweren wird. Diese Punkte werden vor allem von kleinen und mittelgroßen Unternehmen für problematisch erachtet. Nur knapp drei Fünftel der großen Unternehmen beurteilen zu hohen Lohnnebenkosten als Hemmnis auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Zwei Drittel der großen Unternehmen (ab 50 Mio. Euro Umsatz) beklagen die übermäßige Bürokratie hier als Hindernis.

  • Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen – darunter vor allem kleine Unternehmen bis 1 Million Euro Umsatz - nennen eine zu hohe Steuerbelastung in Deutschland als wesentlichen Stolperstein. Bei Unternehmen mit mehr als 1 Million Euro Umsatz ist es nur etwas mehr als die Hälfte. Bei diesem Thema gibt allerdings mehr als jedes zehnte Unternehmen „weiß nicht“ an.

  • Eher keine Erschwernis scheinen zu hohe Löhne und Gehälter zu sein. Dies gab lediglich ein Viertel der Unternehmen an. In der Gruppe der mittelgroßen Unternehmen (1 bis 50 Millionen Euro Umsatz) ist es etwa ein Drittel.

Ergänzend haben über 100 Unternehmen noch weitere Hemmnisse auf dem Weg zur Vollbeschäftigung offen angegeben. Am Häufigsten wurde mit 24 Angaben der fehlende Lohnabstand zu Transferleistungen und den damit der einhergehende Arbeitsunwille von Arbeitslosen als Problem genannt. Genauso oft wurden auch das rigide Arbeitsrecht und der Kündigungsschutz in Deutschland bemängelt, da es flexible Arbeitsverhältnisse erschwert. Danach folgt mit 16 Unternehmen, die Sorge, dass die aktuelle weltwirtschaftliche Lage instabil sei und der Aufschwung somit nicht nachhaltig sei. Mit jeweils etwa 10 Angaben werden als Hemmnisse noch zu hohe Energiekosten, Zuwanderung im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit und die zunehmende Globalisierung, die u.a. zu Auslandverlagerungen führt, benannt.

INSM-WiWo-Deutschland-Check: Tabelle 1 2

INSM-WiWo-Deutschland-Check: das Unternehmervotum

Das von der IW Consult im Auftrag von Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und WirtschaftsWoche durchgeführte Unternehmervotum befragt vier Mal im Jahr Entscheider der deutschen Wirtschaft zu aktuellen politischen Vorgängen. Die IW Consult GmbH ist eine Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Thema dieser Befragungsrunde war Hindernisse auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Die Online-Umfrage fand in der Zeit vom 19. April bis zum 9. Mai 2011 statt.

Teilgenommen haben an der Befragung 1 172 Unternehmen. Angeschrieben wurden hierfür Unternehmen aus der Industrie sowie den industrienahen Dienstleistungen (Großhandel, Verkehr, Nachrichten, unternehmensnahe Dienstleistungen). Angaben für Gesamt beziehen sich auf eine Hochrechnung der Befragungsdaten anhand der Anzahl der Unternehmen im Unternehmensregister bezogen auf die Grundgesamtheit der erfassten Wirtschaftszweige.

INSM-WiWo-Deutschland-Check - Tabellenanhang

INSM-WiWo-Deutschland-Check Mai 2011

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